Transcordilleras – Teil 1
- Christoph Janssen

- vor 1 Tag
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eine Odyssee zwischen farbenfroher Herzlichkeit und dem Kampf gegen die persönlichen Leistungsgrenzen
Mir ist schwummrig. Ich erlebe alles wie in einem Traum, friere trotz 27 Grad in der prallen Sonne, mein Magen schmerzt und meine Beine? Die stehen plötzlich still.
Mein Kopf will weiter, will die Schmerzen überwinden – diesen bekannten, fast liebgewonnenen Schmerz. Alltäglich gehört er zum Radprofi wie das Feuer zum Schmied: Kontrolliert formt es, ausser Kontrolle verbrennt es. Doch heute fehlt es an allem: an Substanz, an Zuversicht, an Kalorien und vor allem an Toilettenpapier …
Doch wie kommt es, dass ich plötzlich völlig ausgepumpt auf der anderen Seite der Welt im Strassengraben liege?
Um dies zu klären, müssen wir etwas weiter zurückblicken.
Als Profisportler spielen Umfeld, Training und das gezielte Setzen von Reizen eine zentrale Rolle, um Erfolge zu erzielen. Planung, Konstanz und Präzision sind essenziell. Trotzdem braucht es für diese Erfolge im Radsport nicht bloss physische Bestleistungen. Vielmehr sind ungeheure Leidensfähigkeit, endlose Freude und ein Feuer für den Sport gefragt.
Jeder Athlet kennt seine eigenen Techniken, um diese Leidenschaft zu entfachen. Das Gelbe Trikot an der Tour de France oder sogar das Regenbogentrikot sind oft formulierte Ziele.
Persönlich finde ich dieses Feuer vor allem in neuen Erfahrungen, neuen Bekanntschaften und im Gang ins Ungewisse. Ich liebe es, meine Komfortzone zu verlassen und mich auf neue Kulturen, Trainingsformen und Herausforderungen einzulassen.
So kam es auch, dass ich mir für die diesjährige Vorbereitung auf die anstehende Saison in China ein solches Abenteuer suchte. Dank Staatsmann Simon Pellaud, den ich im Fernen Osten schon oft in Spitzengruppen antraf, wurde ich mit dem Transcordilleras in Kolumbien fündig.
Bei dem Event handelt es sich um ein achttägiges Offroad-Etappenrennen von Medellín nach Bogotá. Täglich stehen zwischen 90 und 150 Kilometer auf den verstecktesten und holprigsten Gravelstrassen Kolumbiens auf dem Programm. All dies schwer beladen mit jeglichem Gepäck, das im und neben dem Rennen benötigt wird. Vom Flickzeug über die Rennverpflegung bis hin zu Toilettenartikeln, Regenschutz und Casual-Outfit musste alles selbst über die bis zu 3500 Meter hohen Cordillera-Pässe geschleppt werden.
Neben den extremen Temperaturunterschieden, dem fehlenden Sauerstoff und dem anspruchsvollen Parcours gehören vor allem Ernährung und die Wahl des Equipments zur Herausforderung.
Gerade bei Letzterem war ich masslos überfordert. Als «Gümmeler» mit kaum Gravel-Erfahrung war ich vollends auf die Hilfe Dritter angewiesen. Mit dem Motto «Weniger ist mehr» und einigen YouTube-Anleitungen schritt ich zur Tat und unterzog jeden mitgebrachten Gegenstand mindestens dreimal einer Prüfung, um sicherzugehen, dass ich wirklich nur das Nötigste mitschleppte. So wurde die Zahnbürste halbiert, die Hälfte der Mini-Zahnpasta entsorgt und auf Luxusgüter wie Schuhe und Unterwäsche gänzlich verzichtet.
Ein T-Shirt, eine ultradünne Hose sowie ein Winter-Baselayer mussten gegen Kälte und Hitze genügen. Für den Notfall hatte ich immer noch eine dünne Windjacke sowie eine kompakte Radweste dabei. Etwas mulmig war mir schon, denn während der Vorbereitung, die ich bei Simon auf rund 2500 Metern Höhe verbrachte, wurde ich des Öfteren im Training verregnet. Es gab Momente, in denen die besagte Windjacke der Kälte nicht gewachsen war.
Die Zeit verrann, und schon brach der letzte Tag der Vorbereitung an. Mein Kopf wollte schier platzen: Eine Mischung aus Nervosität, Stress und schierer Reizüberflutung machte sich breit. Es gab immer noch hundert Dinge zu organisieren, hundert neue Gesichter und Bekanntschaften einzuordnen und vor allem die Eindrücke dieser farbenfrohen, fröhlichen und offenen fremden Welt zu verarbeiten.
Denn das ist es, was mir aus meiner Zeit in Kolumbien am stärksten in den Knochen sitzt: die Farbe! Alles, aber auch wirklich alles leuchtet bunt auf. Von Häusern, Autos, Blumen und Früchten bis hin zur Natur strahlt Kolumbien eine ungeheure Energie aus, die wiederum von den Menschen reflektiert wird.
Oft sass ich in kleinen Cafés, verloren in Kolumbiens Berglandschaft. Doch es war nicht etwa ruhig und verlassen. Nein, das Dorf lebte. Die Leute versammelten sich, lachten, unterhielten sich, tranken oder assen gemeinsam, und es schien, als wären die Sorgen des Alltags weit weg.
Meine Sorgen hingegen kochten hoch. Es war der Morgen der ersten Etappe. Nicht wissend, was mich erwarten würde, mit Zweifeln am Material, an der Form und an meinen Offroad-Fertigkeiten stand ich um 7.00 Uhr früh auf dem Dorfplatz in El Retiro. Endlich begann – nach diversen Verzögerungen und glücklicherweise auch einem zusätzlichen Espresso – meine Odyssee in Richtung Bogotá.
Mit dem Start des Rennens legten sich auch Nervosität und Zweifel schlagartig. Mein antrainierter Renninstinkt übernahm. Wie im Autopiloten lenkte sich mein Fokus weg von Zweifeln und Ängsten, hin zum Bekannten: zu erprobten Ernährungsstrategien, zur geübten Linienwahl und zur vertrauten Einteilung der eigenen Leistungsreserven.



























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