Newsletter Beitrag vom 16. Januar 2026
- Christoph Janssen
- 16. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Schon eine Weile ist’s her seit meinem letzten Beitrag, und so unglaublich viel ist schon wieder passiert.
Mittlerweile sitze ich schon wieder im Flugzeug nach Abu-Dhabi, um kommenden Sonntag ein weiteres Rennen zu bestreiten. Doch um zu verstehen, wie es so weit kam, müssen wir etwas weiter in die Vergangenheit schauen.
Die letzten Rennen in China im vergangenen Dezember waren echt noch mal ein Highlight. Bei den anstehenden sieben Eintagesrennen fuhren wir quer durch die Provinz Yunnan, der Heimat unserer Mannschaft. Ein Rennen führte um den Fuxian-See direkt vor unserer Haustüre, entsprechend hoch war die Motivation, dort ein Topresultat abzuliefern. Aber vor allem auch landschaftlich boten diese Rennen einiges. Yunnan gilt als das Spanien Chinas: Gerade über die Wintermonate, also in der Trockenzeit, ist es täglich sonnig, und auch im Dezember steigen die Temperaturen auf 20 Grad.
Unsere Reise startete aber in Dali, ganz im Norden der Provinz, auf rund 2400 Metern über Meer. Dort vermochte leider auch die „spanische“ Sonne die Temperaturen nicht wirklich anzuheizen. So froren wir vor dem Start der ersten Etappe um 9:00 Uhr morgens bei 2 Grad ordentlich. Die Streckenführung half immerhin ein wenig: Nach einer flachen 15-Kilometer-Runde durch die Stadt ging es direkt 30 Kilometer bergauf bis auf etwas über 3200 Meter.
Ich versuchte mein Glück in der Fluchtgruppe und zeigte von der Startlinie weg ein aggressives Rennen, was auch funktionierte. Leider ist es mit der Höhe so eine Sache: Ich fuhr mich in den ersten zehn Minuten dermassen ins Verderben, dass mir nach knapp 30 Minuten der „Stecker zog“ und ich aus der fünfköpfigen Spitzengruppe ins Feld und anschliessend ins Gruppetto zurückfiel. Besonders schade, da die Spitze das Rennen tatsächlich unter sich entschied.
Nun gut, die nächste Chance kam schnell. Die zweite Etappe wurde zwar im Sprint entschieden, aber schon am dritten Tag erhoffte ich mir Chancen aus der Gruppe zu gewinnen. Entsprechend dieses Plans fuhr ich erneut aggressiv los, sprang in alle sich lösenden Gruppen und attackierte auch selbst oft, um mich vom Feld zu lösen. Endlich, nach knapp 30 Minuten Anschlag, wurde das Elastik langsam dünn. Ich sprang ein letztes Mal zu einer sich lösenden Gruppe – nur um in der folgenden 180-Grad-Kurve auf nassem Untergrund mein Vorderrad zu verlieren.
Mein Sturz und die daraus entstandene Verwirrung im Feld führten dazu, dass sich die Gruppe endgültig löste, leider ohne mich. So brannte der psychische Schmerz und die Verzweiflung deutlich stärker als die Schürfwunden an Hüfte und Schultern. Besonders, als sich abzeichnete, dass die Ausreissergruppe durch fehlende Kontrolle im Feld um den Etappensieg fuhr. (Immerhin gewann der Schweizer Pellaud, also war’s nicht ganz so dramatisch.)
Diesen Frust liess ich in der kommenden Etappe freien Lauf – unserem Heimatrennen. Die Strecke um den See ist leider wider Erwarten alles andere als flach. 15 Kilometer vor dem Ziel erwartete uns eine knapp achtminütige Steigung, die sich als Schlüsselstelle entpuppen sollte. Da ich nicht für meine Bergfestigkeit bekannt bin und mir unbedingt etwas Vorsprung verschaffen wollte, investierte ich viel in der Startphase des Rennens. Bei Durchschnittsgeschwindigkeiten von 50 bis 54 km/h ist dieses Unterfangen aber oft extrem schwer.
So investierte ich zwar viel, erreichte aber herzlich wenig. Glücklicherweise überquerte ich den finalen Anstieg in der ersten Verfolgergruppe und schloss auf den letzten Kilometern wieder zu den Leadern auf. So versuchte ich mich im Lead-out für unseren Sprinter Sergej, den wir leider aufgrund von Kommunikationsproblemen komplett vergeigten.
Diese Tendenz wiederholte sich leider auch in den letzten Rennen: eine Mischung aus Ungeduld, Kommunikationsproblemen und dem Umstand, dass wir stets nur mit vier Fahrern gegen siebenköpfige Teamsstarteten, machte Erfolge rar. Wir waren immer mit dabei, zeigten uns aggressiv und fuhren auch in den Sprints stets in die Top 5, aber der grosse Durchbruch blieb aus.
So nahm meine Zeit in China ihr Ende. Gerade diese letzten Wochen waren zwischenmenschlich ein echtes Highlight. Unser DS Jiang und Wang, die beiden Chinesen, die uns stets unterstützten, sind mir extrem ans Herz gewachsen. Stets hilfsbereit, stets für einen Spass zu haben und eine riesige Stützte in diesem doch immer noch fremden Land. Auch die beiden Mongolen Ider und Ebo sowie der Ukrainer Sergej, mit dem ich viel gelacht und gelitten habe, sind mir sehr ans Herz gewachsen.
So fiel es nicht leicht, Abschied zu nehmen – vor allem, weil es ein Abschied ins Ungewisse war. Gerade für die Chinesen war nicht klar, wie es weitergeht, wo sie leben, was sie verdienen und wie sie ihre Freundinnen oder Familien unterhalten.
Man könnte meinen, damit wäre die Saison beendet und der Artikel zu Ende – aber es folgt noch eine ganz besondere Erfahrung. Während meiner Zeit in China habe ich Freunde in aller Welt kennengelernt, so auch Sulaiman Alhammadi, oder einfach „Brother“ genannt. Der Emirati ist ein riesiger Velofan, Chef eines Veloclubs und sucht für lokale Rennen stets internationale Talente, um Topresultate zu erzielen.
So wurde auch ich für ein Rennen in Dubai am 22. Dezember aufgeboten. Besonders cool: Er bot mir freie Hand, auch andere Fahrer einzuladen. Elia Blum liess sich auf den Kuhhandel ein und flog, etwas skeptisch, in die Emirate. Zudem gelang es mir, Sergej ebenfalls last minute zu motivieren.
Zu dritt im zu kleinen Hotelzimmer, mit zu kleinem Mietauto, dazu Elia, der eine Woche erkältet im Bett lag und die Nacht gestrandet am Flughafen verbrachte. Unsere Verstärkung aus Grossbritannien, Oscar, hatte kein eigenes Rennrad. Und all das, während wir gegen acht- bis fünfzehnköpfige Teams wie Dubai Police starteten – voll mit internationalen, gut bezahlten Continental-Fahrern.
Long story short: Elia, Oscar und ich fuhren alle Löcher zu, folgten jeder Attacke und opferten uns komplett auf. Sergej entspannte 149 Kilometer – und gewann dann den Sprint!
Was für ein Abschluss! Das Gefühl, sich komplett für einen Teamkollegen an die Wand zu fahren und dann so belohntzu werden, ist echt unbeschreiblich. So feierten wir unseren Sieg gemeinsam mit den Emiratis und genossen deren aussergewöhnliche Gastfreundschaft. Leider war unser Abflug schon einen Tag später gebucht, so blieb kaum Zeit, mehr über Kultur, Landschaft und Menschen zu erfahren.
Es war dann aber auch schön, nach drei Monaten und 18 Tagen endlich wieder zuhause anzukommen, auch wenn ich mich erst wieder an die Ruhe in Dürrenroth gewöhnen musste. Über die Feiertage nutzte ich die Zeit, um wieder richtig die Berge, den Schnee und auch etwas Nervenkitzel zu erleben – eine Welt, die mir die letzten zwei Jahre fast gänzlich verborgen blieb.
Im Moment sitze ich gerade wieder im Flugzeug, erneut heisst das Ziel Abu-Dhabi, denn der „Brother“ hat mich wieder zu einem Rennen eingeladen. Besonders cool: Dieses Mal geht’s gegen die WorldTour an den Start. 200 Kilometer Crosswind-Chaos.
Ich halte euch auf dem Laufenden.
In diesem Sinne,
Grüss und bis gly









































